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NEUERSCHEINUNG

Die sozialdemokratischen "Kinderfreunde" in der Weimarer Republik

Obwohl die "Kinderfreunde" die größte laienpädagogische Organisation der Weimarer Republik waren, wurden sie in der Forschung unangemessen vernachlässigt. Der Band verdeutlicht, aus welchen regionalen Anfängen heraus sie eine moderne Pädagogik entwickelten, die auch heute noch beerbbar ist.

Die im Buch versammelten neun Lokal- und Regionalstudien zeigen, wie aus einer Vielzahl von Kinderwohlfahrts- und Erziehungsinitiativen aus dem mehrheits- und linkssozialdemokratischen Spektrum in praktischer Kooperation die "Kinderfreunde"-Organisation "synthetisiert" wurde. Aus einem losen Zweckbündnis kristallisierte sich innerhalb weniger Jahre eine Kinder- und Erziehungsorganisation heraus, die begann, einen neuen pädagogischen Stil und ein eigenständiges Gemeinschaftsgefühl zu entwickeln. Dabei verschoben sich die Gewichte von der Kinderwohlfahrtspflege zu einer noch im Einzelnen herauszuarbeitenden sozialistischen Erziehung, die sich in jeder Hinsicht auf der Höhe der Zeit befand, die Selbständigkeit und Selbsttätigkeit von Kindern beförderte und produktive Lernfelder der Demokratie schuf. In wenigen Jahren entwickelten die Kinderfreunde einen eigenen pädagogischen Stil, die "Falken"-Bewegung ("Rote Falken").

Erstmals werden regionale Anfänge der Falkenbewegung vergleichend dargestellt und ihre Bedeutung im historischen Kontext beleuchtet und bewertet.

Ein umfassender Literaturbericht, der die bisherigen Forschungen zur Geschichte der "Kinderfreunde" referiert, Beiträge über Kurt Löwenstein, den einflussreichsten Pädagogen der Organisation, und seine Erziehungskonzeption, in deren Mittelpunkt die Gruppe als Lernfeld der Demokratie stand, und die Rekonstruktion der Gründung der "Reichsarbeitsgemeinschaft der Kinderfreunde" kontextualisieren die Regionalstudien.

Die Publikation verdeutlicht, warum die "Kinderfreunde" zu den erfolgreichsten Organisationen des sozialdemokratischen Organisationsgeflechtes der Weimarer Republik gehörten. Denn sie trafen die Bedürfnisse von Kindern, Helfern (Laienpädagogen) und der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung gleichermaßen.

Und so scheint es, als hätten alle Beteiligten nur darauf gewartet, dass sich eine Organisation wie die "Kinderfreunde" bildete:

  • Die Arbeiterkinder, weil sie Spiel und Spaß, die Erlebniswelt einer Gleichaltrigengruppe und vielfältige Anregungen fanden.
  • Die Organisationen der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung, die endlich eine erfolgreiche Form der Nachwuchsrekrutierung in ihrem Vorfeld gefunden hatten. Denn die "Kinderfreunde" überwanden das unproduktive Nebeneinander unterschiedlichster Kinderbetreuungsangebote, verfolgten eine eindeutige pädagogisch-politische Richtung und professionalisierten sich erziehungspraktisch.
  • Und schließlich die Vielzahl von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die zu den Älteren in den Arbeiterjugendorganisationen gehörten oder im Begriff waren, aus ihnen herauszuwachsen und die ebenso wie viele sozialdemokratische Frauen oder Angehörige sozialer und erzieherischer Berufe in der pädagogischen Arbeit bei den Kinderfreunden ein sinnvolles Betätigungsfeld in der Arbeiterbewegung und eine anregende Gemeinschaft der Helferinnen und Helfer fanden.
Das Buch "Auf dem Weg zu einer sozialistischen Erziehung. Beiträge zur Vor- und Frühgeschichte der sozialdemokratischen "Kinderfreunde" in der Weimarer Republik, umfasst 358 Seiten, ist mit historischen Fotos illustriert und beim Landesverband NRW der SJD - Die Falken oder im Buchhandel für 19,90 Euro erhältlich. ISBN 978-3-89861-650-8

Mehr zum Inhalt des Buches

 

AUSSTELLUNG

Kinder der Solidarität

Die sozialistische Pädagogik der „Kinderfreunde“ in der Weimarer Republik

Eine Ausstellung der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung in Zusammenarbeit mit dem POSOPA e.V. und dem Archiv der Arbeiterjugendbewegung.

Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung, Warschauer Str. 34-38, 10243 Berlin (U+S-Bahn Warschauer Str.), 27.1.2006 bis 21.4.2006, Montag bis Freitag 10..00 -18.00 Uhr.

Hunderttausende Arbeiterkinder besuchten ein oder zweimal in der Woche ihre Gruppennachmittage, genossen an Wochenenden auf Wanderungen und Ausflugsfahrten das Gruppenleben und übten in den Sommerferien in ihren „Kinderrepubliken“ kindgerecht Selbstverwaltung und Demokratie ein: Die sozialdemokratischen „Kinderfreunde“ wuchsen in den kurzen 13 Jahren der Weimarer Republik zu einer erfolgreichen, für Kinder und Eltern gleichermaßen attraktiven Kinder- und Erziehungsbewegung heran, an der sich am Ende der Republik etwa 200.000 Kinder, Eltern und Erzieher beteiligten.

Inspiriert von reformpädagogischen Ideen einer „Pädagogik vom Kinde aus“ versuchten die Kinderfreunde Lernfelder für Arbeiterkinder zu gestalten, in denen sie sich zu aktiven, demokratisch und solidarisch handelnden Mitgestaltern einer zukünftigen sozialistischen Gesellschaft entwickeln konnten. Dass Arbeiterkinder selbstbewusst auftreten können, dass sie lernen, Verantwortung für sich und ihre Gruppe zu übernehmen, dass sie möglichst viel und mit anderen gemeinsam selbst gestalten, ihre Gruppennachmittage, ihre Ausflüge und ihre Zeltlager, dass sie in die Arbeiterbewegung hineinwachsen und später als Erwachsene die neue, demokratische und sozialistische Gesellschaft gestalten: darum ging es den Kinderfreunden.

In den letzten Jahren der Weimarer Republik erkannte man die Kinderfreundegruppen an ihrer Kluft, dem blauen Hemd, dem roten Halstuch und dem roten Wimpel mit dem stilisierten Falken, der ihnen Freiheit symbolisierte. Sie verstanden diese Kluft nicht als Uniformierung, sondern als äußerer Ausdruck ihres inneren Zusammengehörigkeitsgefühls, als Symbol ihrer Solidarität, die sie auch mit ihrem Gruß „Freundschaft“ verdeutlichten. Mit dieser „Falkenbewegung“ betonten die Kinderfreunde das Politische ihrer Erziehung und ihren Anspruch, Kindern Lebensfelder für Selbsttätigkeit und Selbstbestimmung zu eröffnen. So entwickelten sie ihren eigenen pädagogischen Stil, der vor allem in den großen Kinderrepubliken für öffentliches Aufsehen sorgte. Besonders die Gemeinschaftserziehung von Mädchen und Jungen empörte konservative Kreise, die die Kinderfreunde auf das Heftigste bekämpften.

Die Ausstellung informiert über die politische Pädagogik der Kinderfreunde und dokumentiert anhand von Fotografien und Schriftgut ihre praktische Arbeit. Zeit- und bildungsgeschichtlich interessant sind besonders bisher nicht veröffentlichte Fotografien aus dem Leben der Berliner Kinderfreunde und „Roten Falken“. Informationsreiche Texte des Bildungshistorikers Roland Gröschel ordnen die politische Pädagogik der Kinderfreunde zeitgeschichtlich ein. Die Ausstellung konnte aus Materialien des Archivs der Arbeiterjugendbewegung (Oer-Erkenschwick) und des Vereins zur Förderung von Forschungen zur politischen Sozialisation und Partizipation POSOPA e.V. (Berlin/Neu-Zittau) zusammengestellt werden.