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Schriftenreihe - Übersicht Schriftenreihe
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Rostock: Verlag Jugend
und Geschichte 1994, 344 S., 43 Abb., ISBN 3 - 929544-16-4 Drei Jahrzehnte begleitete und gestaltete Heinz Westphal Jugendarbeit und Jugendpolitik in West-Berlin und der Bundesrepublik. In den Erinnerungen an sein jugendpolitisches Engagement lässt er die Stationen seines Wirkens Revue passieren: Heinz Westphal schildert den Beginn demokratischer Jugendarbeit in der Trümmerlandschaft Berlins, wo er sich - aus einer bekannten sozialdemokratischen Familie stammend - in der Sozialistischen Jugend Deutschlands - Die Falken engagierte. Die verheerenden materiellen und ideellen Hinterlassenschaften des deutschen Faschismus und zunehmend die Auseinandersetzung mit der FDJ bestimmten die Berliner Jugendarbeit. Heinz Westphal war an der Gründung des Bundesjugendringes in der BRD beteiligt und berichtet von den Hintergründen der Auseinandersetzung um einen gesamtdeutschen Jugendring, wo er als gewichtiger Gegenspieler des damaligen FDJ-Vorsitzenden Erich Honecker agierte. Aus dem Innenleben eines Jugendverbandes der fünfziger Jahre erfahren die Leserinnen und Leser aus erster Hand: Zunächst als Sekretär, dann als Bundesvorsitzender der SJD-Die Falken erlebt der Autor hektische und interessante Jahre: In der konservativ und antikommunistisch geprägten Bundesrepublik der Adenauer-Ära stritten die Falken heftig um den richtigen Kurs für eine sozialistische Alternative. Die Auseinandersetzungen um die Remilitarisierung und um das Verhältnis zur SPD erschütterten den Jugendverband heftig. Auch pädagogische Fragen wurden kontrovers diskutiert. Von diesen großen Auseinandersetzungen berichtet der Autor ebenso wie vom eher unspektakulären Alltag in Gruppenarbeit und Zeltlager, von den Mühen der kleinen Schritte in der Jugendpolitik und den ersten internationalen Kontakten. Die manchmal schwierige, aber dennoch von gemeinsamen demokratischen Grundüberzeugungen getragene Kooperation weltanschaulich und politisch unterschiedlicher Jugendorganisationen im Deutschen Bundesjugendring behandelt ein weiteres Kapitel. Von seiner Gründung an ist Heinz Westphal ein intimer Kenner des Bundesjugendringes, dessen Vorsitzender er 1955 und 1956 und dessen Hauptgeschäftsführer er von 1958 bis 1965 war. Wer über die wichtigsten Arbeitsfelder und jugendpolitischen Diskussionen dieser Zeit fundiert informiert sein will, muss hier nachschlagen. 1965 gelingt ihm der Sprung in den Bundestag, wo er seine jugendpolitischen Sachkenntnisse zur Geltung bringen kann. Als 1969 die sozialliberale Koalition die verknöcherten politischen Machtverhältnisse in der Bundesrepublik verändert, versucht er bis 1974 als Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Jugend, Familie und Gesundheit das Versprechen Willy Brandts, mehr Demokratie wagen! in der Jugendpolitik umzusetzen. Seine detaillierten Schilderungen öffnen ein kleines Sichtfenster auf den Alltag der Bonner Politik und die Reformpolitik der sozialliberalen Koalition . Seinem politischen Credo versucht Heinz Westphal in den dreißig Jahren seiner jugendpolitischen Tätigkeit treu zu bleiben: als demokratischer Sozialist für seine Überzeugung leben, arbeiten, kämpfen, helfen wenns darauf ankommt.
Heinz Westphal wurde am 4. Juni 1924 in Berlin geboren. Er wuchs in einem sozialdemokratischen Elternhaus auf. Sein Vater, Max Westphal, wirkte von 1921 bis 1928 als Vorsitzender der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ) und war danach Vertreter des Parteivorstandes der SPD im Hauptvorstand der SAJ. 1942 starb er an den Folgen seiner KZ-Haft. Nach der Verhaftung seines Vaters 1938 führten der vierzehnjährige Heinz mit Schwester und Mutter den mobilen Kaffeehandel des Vaters fort. Mit dem Fahrrad brachten sie frischgemahlenen Bohnenkaffee in alle Teile Berlins. Die Kaffeekunden waren allesamt Sozialdemokraten und mit den Kaffeefahrten halfen die Westphals mit, während der Nazi-Diktatur wenigstens einen Teil des sozialdemokratischen Milieus am Leben zu halten. In dieser Zeit versuchte sich Heinz Westphal vor dem normalen HJ-Dienst zu drücken, begeisterte sich für Segelfliegerei und lernte Flugmotorenschlosser. Am 20. Januar 1943, knapp drei Wochen nach der Beerdigung seines Vaters, wurde der Achtzehnjährige in einen Krieg geschickt, den der in einem antifaschistischen Elternhaus Aufgewachsene für Wahnsinn hielt. Er hatte Glück. Leicht verwundet kehrte er 1945 von der ostpreußischen Front zurück. Im kriegszerstörten Berlin widmete sich Heinz Westphal alsbald dem Aufbau von Jugendgruppen der sozialdemokratischen Falken. Später schrieb er über diese Zeit des Neubeginns: Ich war damals jung, durch viel Glück dem Krieg mit nur unwesentlichen Blessuren entkommen, voller Wünsche und auch Illusionen, sehr unsicher in meinen Vorstellungen, was einmal aus mir werden sollte. Gefestigte Ansichten hatte ich nur insoweit, als ich dazu beitragen wollte, daß es nie wieder Krieg geben dürfe und daß nach dem ersehnten Untergang der Hitler-Diktatur nun eine freie, demokratisch gestaltete gesellschaftliche Ordnung mit ausgeprägter sozialer Gerechtigkeit entstehen müsse.1 1946 stellte die Berliner SPD den rührigen Organisator als Jugendsekretär ein. Nunmehr kümmerte er sich hauptamtlich um den Aufbau der Falken - in einer politisch überaus turbulenten Zeit. Mit der Blockade und der Verwaltungsteilung der Stadt 1948 eskalierten in Berlin die wachsenden Gegensätze zwischen Ost und West zu einem erbitterten politischen Kampf. Obwohl die Alliierten die Falken im gesamten Berlin zugelassen hatten, wurde ihre Arbeit in Ost-Berlin immer wieder behindert und Falken-Aktivisten verhaftet. Als 1949 einige Falken in Ost-Berlin vor Gericht standen weil sie sozialdemokratische Zeitungen verteilt hatten, protestierte der im Gerichtssaal anwesende Heinz Westphal und wurde gleichfalls verhaftet und zu sechs Wochen Haft wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt verurteilt, aber bereits nach einer Woche aufgrund heftiger Proteste aus West-Berlin wieder freigelassen. Zweifellos waren die harten Auseinandersetzungen mit der FDJ und dem Machtanspruch der SED in der Frontstadt des Kalten Krieges eine weitere politische Grunderfahrung des jungen Sozialdemokraten, die ihn zeitlebens prägten. Die Erfahrung von Faschismus und Krieg und die Auseinandersetzung mit FDJ und SED führten Heinz Westphal zu der tiefen Überzeugung, daß eine pluralistische Landschaft von Jugendverbänden ein wichtiges Element einer lebendigen Demokratie sind. Über die politischen und weltanschaulichen Grenzen hinweg Konflikte fair auszutragen und Konsense zu suchen, wo sie möglich sind, um sich gemeinsam in Gesellschaft und Politik für die Verbesserung der Lebensverhältnisse und Zukunftschancen von Jugendlichen einzusetzen: Dieses Grundverständnis von Jugendring-Arbeit vertrat Heinz Westphal mit Verve und Glaubwürdigkeit. Alle Mitgliedsverbände des Deutschen Bundesjugendringes wußten seine Fairness in der politischen Auseinandersetzung und seine jugendpolitische Sachkenntnis zu schätzen. Sein Engagement für ein derartiges Verständnis der Zusammenarbeit von Jugendverbänden begann schon bei dem berühmten Altenberger Gespräch zwischen FDJ und westdeutschen Jugendverbänden Anfang November 1947, als er vor allem zusammen mit Erich Lindstaedt (SJD-Die Falken) und Josef Rommerskirchen (BDKJ) durchsetzte, daß es mit der FDJ keine gemeinsame Basis geben könne, solange sie ihren Alleinvertretungsanspruch aufrechterhalte und in der Sowjetischen Besatzungszone ein Pluralismus in der Jugendarbeit nicht möglich sei. Seit der Gründung des Deutschen Bundesjugendrings Anfang Oktober 1949 hatte Heinz Wesptphal wesentlichen Anteil an den grundsätzlichen Weichenstellungen und der Entwicklung des Selbstverständnisses des DBJR. Als Vorsitzender und Geschäftsführer setzte er deutliche Akzente in der jugendpolitischen Interessenvertretung und in der internationalen Arbeit des DBJR. Vor allem die europäische Integration und die Ausweitung der internationalen Arbeit auf die sogenannten Entwicklungsländer lag ihm am Herzen. Nach seinem Ausscheiden aus dem DBJR 1965 blieb er als Bundestagsabgeordneter, als parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Jugend Familie und Gesundheit, als Bundesminister für Arbeit und als Vizepräsident des Deutschen Bundestages ein vielgefragter Ansprechpartner der Jugendverbände. Sie hatten in ihm einen erfahrenen und sachkundigen Verbündeten, der wußte, worauf es ankam und der half, wenn es Not tat. Roland Gröschel Inhaltsverzeichnis Geleitwort I. Die frühen Jahre (1924 1945) II. Beginn einer neuen Zeit (1945 1950) 1. Das erste Jahr
des Neubeginns III. In Verantwortung für den Sozialistischen Jugendverband (1950-1957) 1. Unser zentrales
Sekretariat IV. Mitarbeit im Deutschen Bundesjugendring (1949-1965) 1. Prinzipielles
zur Jugendring-Idee V. Mein jugendpolitisches Engagement im Parlament (1965-1974) 1. Mitarbeit im Ausschuss
für Familie und Jugend VI. Eine Bilanz nach mehr als 40 Jahren Einheit der Arbeiterklasse
Unerwartet zur großen Aufgabe wurde das Ringen um die deutsche
einheit Die Verwirklichung von Demokratie Überwindung
der nazistischen Vergangenheit Die westdeutsche Wiederaufrüstung
Das Aufbegehren der jungen Generation Die Regierungszeit
der Sozialdemokraten Moral in der Politik 1. 50 Jahre Arbeiterjugendbewegung Personenregister
Rostock: Verlag Jugend
und Geschichte 1994
Mit seiner Flucht in die Schweiz begann für Erich Schmidt und seine Lebensgefährtin Hilde Paul, die bis 1936 in Deutschland inhaftiert war, eine wechselvolle Lebensepoche, geprägt vom Kampf gegen den Faschismus, von den Widrigkeiten und Unsicherheiten des Emigrantenlebens und von der bitter enttäuschten Hoffnung auf ein Zurückdrängen des Faschismus in Europa. 1936 verließen Hilde und Erich Schmidt die ungastliche Schweiz und gingen nach Frankreich. Dort beteiligten sie sich an den Bemühungen, eine Volksfront gegen den deutschen Faschismus zu schaffen. Erich Schmidt schildert nicht nur die Nöte und Bedrängungen des Emigrantenlebens sondern auch - zeitgeschichtlich außerordentlich interessant - wie antifaschistische deutsche Jugendliche und junge Erwachsene in Paris die Aktionsgemeinschaft proletarischer Jugendverbände gründeten, die 1937 eine Zeitschrift namens Freie Deutsche Jugend herausgab und eine Freie Deutsche Jugendbewegung anstrebte. Mit Beginn des Krieges wurden Hilde und Erich Schmidt interniert. Als Hitlers Truppen im Mai und Juni 1940 Nord- und Westfrankreich überrollten, saßen die deutschen Antifaschisten im nazifreundlichen Vichy-Frankreich in der Falle. Es schien kein Entrinnen mehr zu geben. Varian Fry holte im Auftrage des amerikanischen Emergency Rescue Commitee über 1500 Antifaschisten aus dem von den Deutschen beherrschten Europa heraus. Erich und Hilde Schmidt gehörten zu ihnen. Im Herbst 1940 erreichten sie mit ihrem Schiff New York. Das Buch von Erich Schmidt ist ein wichtiges Dokument deutscher und internationaler Zeitgeschichte. Das Buch vermittelt ein anschauliches Bild von den politischen Prozessen im Europa der dreißiger Jahre und gewährt Einblicke in das Leben, Denken und Fühlen jener Menschen, die auf der Flucht vor einem barbarischen Regime waren. Inhaltsverzeichnis I. Innere Emigration oder: wie wird man Emigrant Als falscher Schmidt
entlassen II. In der Schweiz Schweizer Emigrantenalltag III. In Frankreich Das Ende der Illusionen Quellen und Literatur IV. Dokumente
Rostock: Verlag Jugend
und Geschichte 1995 Dieses Spezialinventar dokumentiert nichtgedruckte schriftliche Quellen der und über die deutsche Arbeiterjugendbewegung von ihren Anfängen bis 1933. Es berücksichtigt deutsche Arbeiterjugendorganisationen wie die Sozialistische Arbeiterjugend, die Kommunistische Jugend, die Gewerkschaftsjugend, die Naturfreundejugend und weitere kleinere Jugendorganisationen unterschiedlicher politischer Couleur, die sich selbst zur Arbeiter-bewegung zählten (z.B. auch sozialistische Studentenorganisationen). Ein großer Teil der hier dokumentierten Archivalien besteht aus Unterlagen der und über die nationalen Zentralen der Arbeiterjugendorganisationen und aus Unterlagen aus und über Arbeiterjugendorganisationen aus dem Raum Berlin-Brandenburg. Die Archivalien sind mit Signatur, Titelangabe und kurzer Inhaltsbeschreibung dokumentiert. Das Spezialinventar beruht zum größten Teil auf eigenen Recherchen. Darüber hinaus wurden Bestandsbeschreibungen von Archiven, Findbücher und Inventare zur Geschichte der Arbeiterbewegung durchgesehen und Archivalien aufgenommen, die die Arbeiterjugendorganisationen betreffen. Berücksichtigt wurden Quellen aus folgenden Archiven: Archiv der Arbeiterjugendbewegung, Archiv der deutschen Jugendbewegung Burg Ludwigstein, Zentralarchiv der FDJ, Archiv der sozialen Demokratie, Zentrales Parteiarchiv der SED, DGB-Archiv, FDGB-Archiv, Archiv der Historischen Kommission zu Berlin , Fritz Hüser-Institut für deutsche und ausländische Arbeiterliteratur, Franz - Neumann - Archiv, Studienarchiv Arbeiterkultur und Ökologie, Bundesarchiv, Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Landesarchiv Berlin, Staatsarchive Hamburg und Bremen. Das Spezialinventar ist ein unverzichtbares Hilfsmittel für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterjugendbewegung. Band 3 der Schriftenreihe ist derzeit vergriffen.
Neu Zittau: POSOPA
e.V. 1997
Inhaltsverzeichnis I. Einführung II. Hinweise für
die Arbeit mit dem Material b) Themenbereich
2 c) Themenbereich
3 d) Themenbereich 4 III. Interkulturelle
Erfahrungen im lebensgeschichtlichen Kontext IV. Medienhinweise V. Wichtige Adressen Neu Zittau: POSOPA
e.V. 2001
In der Lebensschule
der Arbeiterbewegung Kindheit und Jugend im roten Berlin Die Bewährungsprobe
Im Nazi-Gefängnis Dokumente Erinnerung an Willi
Zahlbaum Willi Zahlbaum, am 29.3.1914 in Berlin geboren, verbrachte seine Kindheit und Jugend in Berlin. In einem politisch linken Elternhaus aufgewachsen, faszinierten ihn die politischen Auseinandersetzungen im Berlin der zwanziger und frühen dreißiger Jahre. Er fand den Weg zu den Roten Falken, der sozialdemokratischen Kinderorganisation und zum Sozialistischen Jugendverband, der Jugendorganisation der linkssozialistischen Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP). Die Nationalsozialisten zu bekämpfen war für ihn selbstverständlich. Dieses antifaschistische Engagement brachte ihm anderthalb Jahre Gefängnis ein. Als Antifaschist zogen ihn die Nazis im November 1942 zur Strafdivision 999 ein. Vom Mai 1943 bis Anfang 1947 war er im französischen Kriegsgefangenenlager Bizerte (Tunesien). Nach seiner Rückkehr nach Berlin wirkte er in Rundfunk und Fernsehen der DDR. Aber ein Parteisoldat war er nie: Immer wieder eckte er mit unabhängigem Denken und eigenständigen Positionen an. Willi Zahlbaums Lebenslauf zeigt, was es in diesem Jahrhundert bedeutete, aufrecht zu gehen. Ich lernte Willi Zahlbaum um die Jahreswende 1990/1991 kennen und war fasziniert von der präzisen und detaillierten Erinnerungsfähigkeit Willis. Er erzählte von seiner Kindheit im proletarischen Berlin, seiner Jugend in der Arbeiterjugendbewegung, seinen linkssozialistischen Grundüberzeugungen, denen er im Grunde sein Leben lang treu geblieben ist. Natürlich tauschten wir uns ausgiebig über die aktuellen politischen Ereignisse aus, immerhin brach gerade der erste Versuch einer sich zumindest nominal aus sozialistischen Überbauquellen speisenden nichtkapitalistischen Gesellschaft zusammen und der weltweite Siegeszug des gewöhnlichen Kapitalismus überflutete mit seinen Elementen der ursprünglichen Akkumulation den ehemaligen Ostblock. Willi war trotz etlicher Parteistrafen bis zum 8. November 1989 Mitglied der SED, doch er war nicht Teil des verknöcherten Partei-Establishments, sondern übte freimütig Kritik, wo sie ihm sinnvoll erschien. So geriet er auch in jenen Wochen der Zusammenbruchskrise der DDR ins Visier der Parteisoldaten, die ihm, der substanzielle demokratische Reformen in Partei und Gesellschaft, in Wirtschaft und Staat forderte, parteischädigendes Verhalten vorwarfen. Im November 1989 schließlich verloren Willi und seine Frau Rita endgültig den Glauben an die Reformierbarkeit der SED und traten aus. Ein besonderes Erlebnis war das Zusammentreffen Willis mit Wolfgang Rosenberg, einem ehemaligen Berliner SAJ-ler, der wegen seiner jüdischen Herkunft in den dreißiger Jahren nach London und schließlich nach Neuseeland emigrierte, wo er sich als Rechtsanwalt niederließ und als Ökonom, einflussreicher Berater und graue Eminenz der Labour-Linken eine bedeutende gesellschaftliche Rolle eroberte. Ich konnte dieses Zusammentreffen arrangieren, da ich Wolfgang Rosenberg einige Jahre vorher kennen gelernt hatte und er mich bei seinem Berlin-Besuch kontaktierte. Ihre Diskussion führten die beiden auf deutsch, ich übersetzte für die ebenfalls anwesende neuseeländische Ehefrau von Wolfgang Rosenberg. Die beiden alten Genossen streiften ihre gemeinsame Zeit in den sozialistischen Jugendorganisationen der Weimarer Republik und die Nazizeit nur kurz. Was sie wirklich interessierte? Natürlich die aktuellen Ereignisse. Nach kurzer Zeit stritten sie heftig, ob die Politik Gorbatschows, die den Zusammenbruch der nominalsozialistischen Staaten einleitete, unausweichlich gewesen sei. Willi vertrat die Auffassung, dass der Ostblock auch ohne Gorbatschows Politik über kurz oder lang an seinen ökonomischen Problemen und gesellschaftlichen Widersprüchen zusammengebrochen wäre und dass die Gorbatschowsche Übergangspolitik diesen weltgeschichtlichen Bruch zumindest vorerst relativ friedlich gestalten konnte. Mir ist noch in Erinnerung, dass die beiden alten Herren kein Ende finden konnten und ich mit dem betagten aber überraschend flinken Wolfgang Rosenberg im Laufschritt über das Marx-Engels-Forum hasten musste, damit wir den Anschluss-Termin schaffen konnten. Typisch, dachte ich, die beiden waren ihr ganzes Leben lang im Laufschritt unterwegs. Im Verlauf des Jahres 1991 berichtete Willi Zahlbaum in mehreren Interviews ausführlich über seine Berliner Kindheit und Jugend. Obwohl ich zu dieser Zeit bereits Dutzende ausführliche Interviews zur Rekonstruktion proletarischer Milieus im Berlin der Weimarer Republik absolviert hatte, überraschte mich die detaillierte Erinnerung Willis an seine über fünfzig Jahre zurück liegenden Jugend-Erlebnisse. Er zeichnete ein mikroskopisch klares Bild des Alltagslebens einer politisch links stehenden Arbeiter-Familie im Berlin der Weimarer Republik. Deutlich brachte er zum Ausdruck, was ihn und seine Alters- und Gesinnungsgenossen bewegte, schilderte facettenreich, wie er die Zeitumstände erlebte und wie sie ihn formten, wie er sich seine Grundüberzeugungen erarbeitete und wie er sich durch die Zeit bewegte. Unprätentiös und ohne den besserwisserischen Zeigefinger zu heben schrieb er seine Erlebnisse in den folgenden Jahren auf. Aus diesen Texten und unter Zuhilfenahme von Interviewpassagen entstand das Buch Aufrecht gehen, dem ein umfänglicher Anmerkungsapparat beigefügt wurde, der Informationen über Organisationen, Personen und historische Kontexte enthält, damit auch zeitgeschichtlich nicht bewanderte Leser das Buch mit Gewinn lesen können. Die Schilderung Willis endet mit seiner Kriegsgefangenschaft in Nord-Afrika. Der Dokumententeil reicht zeitlich näher an die Gegenwart herein und schließt mit einer ausführlichen Begründung des SED-Austritts. Willi konnte aus gesundheitlichen Gründen seine lebensgeschichtliche Erinnerung nicht weiter führen. Den ihm wichtigsten Lebensabschnitt, die Zeit im Nazi-Gefängnis, hat er jedoch außerordentlich akribisch und erhellend beschrieben. Bundestagspräsident Wolfgang Thierse schrieb in einem Brief v. 19. Juni 2001 über Willis Buch: Es hat mich gefreut, dass Sie Ihre Jugenderinnerungen aus einer Zeit, die den jungen Menschen heute nur noch in einem abstrakten historischen Kontext vermittelt wird, so detailliert und anschaulich zu Papier gebracht haben. Ihr Werk ist nicht nur kurzweilig und unterhaltsam, es hat auch einen hohen dokumentarischen Wert. (...) Gerade für junge Menschen ist es wichtig, anschaulich von dem Leben vor und während des Nationalsozialismus zu erfahren. Für Ihr Engagement danke ich Ihnen sehr. Roland Gröschel, 29. März 2002
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